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April 2019: Ein Krötenlied

Ein Krötenlied - oder der lange Weg in den Sumpf
von Regisseur Kariem Saleh

"Als wir zu Beginn des dritten Studienjahres die Möglichkeit bekamen, einen Diplomfilm vorzubereiten, drängte sich ein Thema auf, das fast alle in irgendeiner Form beschäftigte. Wenn man sich damals am Animationsinstitut umsah, blickte man in eine Menge Quadrataugen, mit dunklen Rändern darunter. Wieso kleben alle so an ihren Bildschirmen? Was machen die Leute den ganzen Tag in ihren Büros? Doch auch der Blick in den Spiegel verhieß nichts Gutes. Wir waren ebenfalls zu Abkömmlingen dieser modernen Gattung von Alltagszombies geworden, die in einem immer gleichen Tonus ihrer Arbeit nachgingen und versuchten Schritt zu halten. Irgendeiner stellte dann die Frage, ob früher nicht eigentlich alles besser gewesen war. Und ja, wir glaubten uns plötzlich zu erinnern, wie ungehemmt, selbstverständlich und stressfrei man sich als Kind oder junger Mensch kreativ auszudrücken vermochte. Ganz ohne sich zu vergleichen oder die eigene innere Stimme zu verstecken. Der Druck der Leistungsgesellschaft hatte uns fest im Griff und unsere Intuition war nahezu vollständig der Angst gewichen, aus Versehen irgendeinen richtig dämlichen Kurzfilm zu machen.

So entstand plötzlich vor unserem geistigen Auge Svobodan. Der Prototyp eines knitterigen und zerstörten modernen Menschen. Svobodan jedoch scheint als einer der Wenigen noch immer seine kindliche Stimme mit sich herumzutragen, obwohl sie in seinem Alltag keinen Platz mehr hat. Sie sitzt in Form einer vorlauten alten Kröte noch immer auf seinem Kopf, ist nicht zu übersehen und beleidigt seine Mitmenschen. Auch Svobodan hat vergessen, was ihm seine Kröte einmal bedeutet hatte. Wie in einer durchgekauten Ehe, kann er ihre Stimme nicht mehr hören. Und obwohl die Kröte sich lautstark und vehement wehrt, will er sie nun endlich entfernen lassen. Erst als er beim Psychiater in die Hypnose abgleitet, beginnt er sich an das alte Lied der Kröten seiner Kindheit zu erinnern.

Nachdem wir uns auf das grundsätzliche Credo einigten, diese Geschichte nur erzählen zu können, wenn wir in der Umsetzung möglichst viel Spontanität und natürliche Intuition einfließen ließen, ergaben sich einige grundlegende Herangehensweisen. Das Setting des Films, eine kellergeschossige sterile Arztpraxis zur Krötenentfernung, müsste möglichst spürbar und taktil sein. Die Animation sollte sich spontan und energetisch anfühlen. Und auch das Design sollte eine irritierende und verspielte Kindlichkeit in sich tragen. Wir wollten all die stumpfen und repetitiven Arbeitsprozesse der 3D-Animation mit ein wenig mehr Leben füllen.

Wir hatten viele Ideen, wie wir diese Ansätze in die Praxis umsetzen wollten. Das größte Problem war jedoch die lose Behauptung, man könne auf diese etwas andere Weise ebenfalls einen Film machen, ohne aber auf ein einziges anderes Produktionsbeispiel verweisen zu können. Um also auch den Zuspruch des Instituts zu bekommen, produzierten wir in zirka zweieinhalb Monaten einen Teaser, der aus einer einzigen Einstellung bestand, für den wir jedoch bereits den gesamten Produktionsprozess einmal durchexerzieren mussten. Wir entwickelten eine Methodik, gebaute Miniaturkulissen per Photogrammetrie einzuscannen und im virtuellen Raum neu zu beleuchten und zu platzieren. Gleichzeitig bauten wir aus Sensoren und einem Arduino-Microcontroller einen Datenhandschuh, der uns ermöglichte Handpuppen-Motion-Capturing mit den Händen zu betreiben und diese Animation live auf unsere Charaktere in Maya zu übertragen.

Mit diesem Teaser machte ein Teil unseres Teams nun bereits Diplom. Für die Umsetzung der weiteren Produktion fand sich eine neue Konstellation von Mitstreitern zusammen. Wir entwickelten die technischen und stilistischen Ansätze aus dem Teaser weiter und begannen den Film endlich umzusetzen. Nach vielen Unterbrechungen, vor allem weil einige von uns neben dem Studium zu arbeiten begannen, wurde das Projekt nach insgesamt dreieinhalb Jahren dann endlich fertiggestellt. Ein paar Jahre später bin ich nun immer noch unheimlich dankbar und glücklich über unser unglaubliches Team, die vielen helfenden Hände und all die Krötinnen und Kröten, die sich über die lange Produktionszeit für Ein Krötenlied zusammengefunden haben.

Wer hat seine Kröte noch und wer hat sie schon vergessen?

Team:

Director, Story: Kariem Saleh
Producer: Alexandra Stautmeister
Toad Voice: Andreas Mannkopff
Svobodan Voice: Benjamin Hille
Psychiatrist Voice: Gerald Friese
Dialogue-Script: Robert Martin, Kariem Saleh
Design: Jelena Walf
Art Direction: Silke Finger
Music: ”Paradox Paradise” John Guertler, Lars Voges, Jan Miserre, Tomas Svensson
Sound Design: Dominik Kostolnik
Additional Sound Design / Mischung: Laura Schnaufer
Voice Recording: Dominik Kostolnik, Ana Monte, Denis Elmaci
Animation: Kariem Saleh, Ringo Klapschinsky, Anna Habermehl, Sveta Yuferova, Jessica Tegethoff Lighting, Shading, Rendering: Vincent Ullmann
Compositing: Silke Finger, Vincent Ullmann, Matthias Bäuerle, Florian Greth
3D-Modeling: Kariem Saleh, Meike Müller, Martin Grötzschel, Marco Hakenjos, Daniel Kannegiesser, Guillermo Molina
Texturing: Dominic Eise, Gero Eckhard, Natalia Alencar, Manolya Kuelkoeylue, Michaela Gote
Rigging: Sascha Langer
Additional Rigging: Helmuth Kriegseisen, Jessica Tegethoff, Hanna Binswanger
Pipeline-TD: Vincent Ullmann, Martin Minsel
Simulation: Vincent Langer
Puppeteering-Device: Florian Greth
Puppeteering-Software: Amit Rojtblat
Miniature Set Building: Valentin Kemmner, Alireza Hashempour, Silke Finger, Shadi Adib, Sophie Rekasowski, Thomas Sali
Photogrammetry: Vincent Ullmann, Timm Wagener, Christian Scheunert, Vincent Langer, Fabian Fricke, Yafes Sahin
English Subtitles: Robin Weber