Zu rund zum Laufen: ROLLIN' SAFARI

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Redaktioneller Hinweis: Folgender Artikel ist im Rahmen der Jubiläumspublikation „20 Years 20 Projects“ des Animationsinstituts entstanden. In dieser Festschrift zum 20-jährigen Bestehen des Instituts wurden 20 ikonische Projekte aus der bewegten und bewegenden Geschichte des Animationsinstituts vorgestellt. Den untenstehenden Artikel verfasste Filmakademie-Alumnus Johannes Weiland über das Projekt ROLLIN‘ SAFARI.

 

Über Johannes Weiland

 

Johannes Weiland arbeitet als freiberuflicher Regisseur, Animator, Filmmusiker und Dozent in Ludwigsburg. Nach dem erfolgreichen Abschluss seines Studiums am Animationsinstitut der Filmakademie im Jahr 2003 sammelte er zunächst Berufserfahrung bei verschiedenen europäischen Animationsfirmen.

 

Doch es zog ihn zurück nach Ludwigsburg. Im Laufe der Jahre hat er mit der Firma Studio Soi mehrere preisgekrönte Kurzfilme und TV-Serienproduktionen realisiert. Außerdem ist er an seiner ehemaligen Ausbildungsstätte tätig: Seit 2007 betreut er als Lehrbeauftragter am Animationsinstitut das Modul AniFilm/AniPlay und dabei eine Vielzahl von studentischen Projekten von der ersten Idee bis zur Fertigstellung.

 

Zu Johannes' bekanntesten Regiearbeiten zählen Kurzfilme wie DER KLEINE UND DAS BIEST, DAS GRÜFFELOKIND, HESSI JAMES und die TV-Serien TRUDES TIER und PETZI.

Über das Team von ROLLIN' SAFARI

 

Constantin Niklas Paeplow (links) wurde 1988 in Hamburg geboren. Er absolvierte 2007 sein Abitur am Kaiser-Friedrich-Ufer Gymnasium und begann 2008 bei der Trickompany Filmproduktion zu arbeiten. 2009 startete er ein Studium der Animation an der Filmakademie Baden-Württemberg, das er 2015 am Animationsinstitut abschloss.

 

2014 fing Constantin an bei Passion Pictures LTD in London als Animationsregisseur zu arbeiten, zusammen mit seiner Kommilitonin und Regiepartnerin Kyra Buschor (mittig). Seitdem haben sie gemeinsam mehrere Preise gewonnen und an zahlreichen Projekten wie Werbespots, Trailern und Kurzfilmen gearbeitet. Heute sind beide vor allem für das Projekt ROLLIN' WILD (ehemals ROLLIN' SAFARI) bekannt, das während ihres Studiums an der Filmakademie Baden-Württemberg entstanden ist. Kyra und Constantin arbeiten noch an weiteren Episoden von ROLLIN' WILD.

 

Ännie Habermehl (rechts) zog nach ihrem Abschluss an der Filmakademie nach Berlin und arbeitete in verschiedenen VFX-Studios. 2018 entschied sie sich für eine längere Auszeit von der Filmbranche und ging für einige Zeit auf Reisen. Inzwischen hat sie ein neues Zuhause in Freiburg und eine neue Leidenschaft gefunden: die Gartenarbeit. Ännie animiert nun alle Arten von Pflanzen in Echtzeit.

Zu rund zum Laufen – Artikel von Johannes Weiland

"Was wäre, wenn alle Tiere rund wären?" – das ist eine der vielen Fragen, mit denen ich mich in den letzten 15 Jahren beschäftigen durfte. Denn jeder, der sein Studium am Animationsinstitut beginnt, wird mit dem Mantra des ehemaligen Institutsleiters Andreas Hykade konfrontiert: Jeder Film braucht ein zentrales Bild und eine zentrale Frage. Das sogenannte "Trailersemester" war und ist über viele Jahre mein Hauptkontaktpunkt mit dem Animationsinstitut und ich glaube, ich verstehe mich langsam als dessen Fundament.

 

Angefangen hat es 2002, als das Animationsinstitut gerade gegründet worden war und ich dort mein Studium absolvierte. Wir Studierenden wurden gefragt, ob wir Interesse hätten, einen Trailer, einen kurzen animierten Werbefilm, für das Internationale Trickfilm-Festival Stuttgart (ITFS) zu machen. Das klang nach einer guten Idee für eine sinnvolle Zusammenarbeit: Das Festival bekam einen fertigen Film, die Studierenden etwas für ihr Showreel. Der Film wurde auch auf der großen Kinoleinwand gezeigt. Wir meldeten uns an und gestalteten als Team einen ITFS-Trailer (BUNNIES).

BUNNIES (ITFS Trailer 2002)

Diese probeweise Zusammenarbeit wurde dann zu einem festen Bestandteil des Studiums. Im folgenden Jahr begann die fünfmonatige Seminarphase mit dem Namen "ITFS-Trailer". Ziel war es, einen kurzen, hochwertigen Film für das ITFS zu erstellen. Alle Studierenden mussten sich daran beteiligen.

 

In jedem neuen Studienjahrgang wurden neue Trailer entwickelt. Alle fertigen Filme wurden dann auf dem ITFS gezeigt, aber nur einer wurde als "Haupttrailer" verwendet. Das zu erreichen, war der heilige Gral. Auch die FMX hatte ein Auge auf die Projekte und wählte ebenfalls einen Film als FMX-Trailer aus – ebenfalls ein heiliger Gral, den die Teams insgeheim noch mehr begehrten...

 

 

2007 bekam ich das Stellenangebot, das Trailersemester künftig künstlerisch zu betreuen. Seither habe ich ununterbrochen jeden Jahrgang miterlebt. Inzwischen habe ich wohl die Entwicklung von rund 75 Projekten begleitet.

 

Die Jahre sind ins Land gegangen. Ich wurde mit einigen schwierigen, verrückten, manchmal langweiligen, aber auch ganz fantastischen Ideen für mögliche Trailer konfrontiert. Ich erinnere mich noch sehr gut an einen bestimmten Tag. Es war in der Projektentwicklungsphase und wir saßen alle im Stuhlkreis zusammen. Jede/r, die oder der etwas sagen wollte, hatte die Möglichkeit, ihre/seine Projektidee vorzustellen. Das Team von Kyra Buschor, Constantin Paeplow und Ännie Habermehl war an der Reihe und hielt ein selbst gemaltes Bild hoch. Es zeigte einen Leoparden, der eine Gazelle jagt. Beide Tiere waren völlig rund, aufgeblasen wie Luftballons mit kurzen Armen und Beinen – und offensichtlich war keines von beiden Herr der Lage. Das Team erklärte: „Wir haben uns gefragt: Wie wäre es, wenn Tiere rund wären, wenn sie ihre typischen tierischen Dinge tun wollten, aber körperlich nicht dazu in der Lage wären?"

 

Lautes Lachen war unsere Reaktion. Alle haben das Bild direkt verstanden, man konnte den Film schon vor dem geistigen Auge sehen. Nicht nur, dass die ballonähnlichen Tiere in ihrer Gestaltung extrem lustig aussahen, auch die Idee, dass sie aufgrund ihres Körperbaus ihrer Umgebung völlig ausgeliefert sind, war genial. Ein perfektes zentrales Bild mit einer perfekten zentralen Frage! Wo auch immer sie ihr Bild zeigten, die Reaktion war immer die gleiche: Begeisterung.

Wie wäre es, wenn Tiere rund wären, sie ihre typisch tierischen Dinge tun wollten, aber körperlich nicht in der Lage dazu wären?

Team ROLLIN' SAFARI

ROLLIN' SAFARI Episoden

Dennoch war es für das Team harte Arbeit, den Kern und den Humor der Idee zu destillieren. Sie mussten zum Beispiel erkennen, dass ihre Idee am stärksten ist, wenn sie auf eigenen Beinen steht. Jede komplexe Handlung, die sie zu erzählen versuchten, war kontraproduktiv und erwies sich als langweiliger als die Grundidee. Deshalb beschlossen sie, sich lieber auf ein paar kurze Momente zu konzentrieren, um die Situationskomik besser umsetzen zu können.

 

Eine sehr weise Entscheidung! Denn so konnte sich die Welt der Kugeltiere richtig entfalten: Zu den bekannten Tieren gesellten sich in anderen Szenen kugelförmige Zebras, runde Flamingos und aufgeblasene Krokodile... allesamt sehr lustig anzusehen.

 

Man erkannte, dass Drehbücher durchaus auch durch visuelle Gags funktionieren können und nicht unbedingt eine spannende Handlung oder interessante Dialoge liefern müssen: Ein Plot wie "ein Leopard jagt eine Gazelle – beide stolpern" ist natürlich kein Meisterwerk. Aber alle, die die Clips sehen, erkennen sofort, dass auch eine Handlung wie "ein Leopard fällt vom Baum" äußerst amüsant sein kann, wenn sie auch noch so unverwechselbar visualisiert wird.

Mit einem Gespür für hervorragendes Timing und Inszenierung, wunderbarer Kameraführung und gut beobachteter Animation haben die drei ihre Idee umgesetzt. Es entstanden vier Episoden, die auf höchst amüsante Weise die typischen Szenen aus Tierdokumentationen auf die Schippe nehmen. Die Miniserie, die bis dahin unter dem Arbeitstitel „Die Kugeltiere“ lief, erhielt dann den offiziellen Namen ROLLIN' SAFARI (2012).

 

Dann kam die Semesterabschlusspräsentation mit dem üblichen Prozedere: Uli Wegenast, der künstlerische Leiter des ITFS, und Thomas Haegele, der damalige Institutsleiter, sahen sich die fertigen Trailer noch einmal an, um den Film für „ihre“ jeweiligen Festivals auszuwählen (Stichwort: heiliger Gral!). Tatsächlich gab es in jenem Jahr eine Reihe von großartigen Trailern, aber die beiden waren auf ROLLIN' SAFARI fixiert. Beide beanspruchten ihn für sich und sie begannen zu streiten – ein bisschen wie zwei sture Jungs. Erst bei Bier und Wein im Blauen Engel (einem Restaurant auf dem Campus in Ludwigsburg) kam es zu einer schlichtenden Lösung: Sie teilten sich einfach den Trailer (immerhin gab es vier Folgen). So konnten beide Festivals ihr Marketing auf ROLLIN' SAFARI stützen und effektiv zusammenarbeiten. Die Kugeltiere hatten also beide Grale gewonnen... sehr beeindruckend!

Natürlich war die Resonanz bei der offiziellen Premiere von ROLLIN' SAFARI hervorragend. Zwei der drei Teammitglieder, Kyra und Constantin, beschlossen, das Potenzial des Konzepts auch in Zukunft auszuschöpfen. Mit dem Projekt in der Tasche wurden sie nach London eingeladen. Passion Pictures lockte sie mit dem Angebot einer Festanstellung, so dass sie während des restlichen Studiums nur noch einen Teil ihrer Zeit in Ludwigsburg verbrachten. Für ihr Diplom produzierten sie noch drei ROLLIN' SAFARI Folgen und zogen dann ganz nach London. Kyra und Constantin scheinen sich als Regieteam gefunden zu haben. Sie arbeiten noch immer – acht Jahre später – an Werbeproduktionen bei Passion Pictures zusammen.

 

ROLLIN' SAFARI ist auch zu einer Marke geworden, die jetzt ROLLIN' WILD heißt. Ab und zu, wenn sie Zeit haben, drehen Kyra und Constantin einen neuen, kurzen, lustigen Clip. Dann wird er online geteilt und erreicht in manchen Fällen bis zu fünfzig Millionen Aufrufe! ROLLIN' WILD hat knapp 100.000 Follower auf Instagram. In ihrem Online-Shop bieten sie eine breite Palette von ROLLIN' WILD-Produkten an: Kleidung, Accessoires und auch runde Kuscheltiere! Es war ein kleiner Merchandising-Traum, den sie sich während des Lockdowns erfüllt haben, erzählten sie mir.

Aber für beide ist die Marke ROLLIN' WILD nur noch ein Nebenschauplatz abseits ihrer Haupttätigkeit. Dennoch sind die Wellen, die diese scheinbar einfache Idee aus ihrer alten Studienzeit geschlagen hat, bemerkenswert.

 

Für das Animationsinstitut hatte der Projektverlauf auch auf einer weiteren Ebene eine besondere Wirkung: ROLLIN' SAFARI war wohl die Geburtsstunde des heutigen „AniFilm/AniPlay“-Semesters. Was einst das Trailersemester des ITFS war, hat sich in den letzten zehn Jahren kontinuierlich weiterentwickelt. Nach wie vor müssen kurze, hochwertige Projekte in wenigen Monaten produziert werden. Doch die Aufgabenstellung hat sich grundlegend geändert: Statt eines Films geht es nun darum, eine interessante Marke, eine Intellectual Property (IP), zu erfinden, die vielfältige Formen annehmen kann. Dabei spielen alle Vertiefungen des Animationsinstituts eine Rolle. Ein zentrales Bild und eine zentrale Fragestellung werden nun in verschiedenen Formaten (Filme/Spiele/Installationen etc.) umgesetzt.

„Die Kugeltiere“ waren definitiv ein Meilenstein in der Geschichte des Animationsinstituts. Ich bin gespannt, was da noch kommen wird. Die Frage „Was wäre, wenn alle Tiere rund wären?“ ist sicher noch nicht vollständig beantwortet. Ich hoffe, dass Constantin und Kyra sich noch die eine oder andere lustige Tiergeschichte ausdenken werden. Aber auch die bisherigen Episoden werden sicher noch vielen Tausenden oder gar Millionen von Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Vielen Dank dafür!

 

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