Arne Hain animiert bei Star Wars

Wie die FMX Arne Hain zur Arbeit bei Star Wars brachte

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Vom Animationsinstitut zur FMX, von dort in das Studio von Stop-Motion-Legende Phil Tippett und weiter zu – wir können es selbst kaum glauben, wenn wir das lesen – Star Wars. Das ist die Kurzvariante davon, was unserem Animationsstudenten Arne Hain tatsächlich passiert ist. Die längere Variante ist noch viel aufregender. Lies selbst!

Arne:

Mein achtjähriges Ich hätte mir nicht geglaubt, hätte ich ihm erzählt, dass ich einmal eine Szene für einen Teil der Star Wars-Saga animieren würde. Wenn man es einmal getan hat, fühlt es sich gar nicht mehr so speziell an. Aber sobald ich Abstand nehme und noch einmal darüber nachdenke, erstaunt es mich wieder aufs neue und ich frage mich, wie ich hier hin gekommen bin.

 

Stop Motion: Ein ganz besondere Magie

Ich bin 24 Jahre alt und studiere seit 2015 Animation an der Filmakademie Baden-Württemberg. Seit frühster Kindheit bin ich Filmenthusiast und habe schon mit acht Jahren angefangen, eigene Filme zu drehen. So ist das bei den meisten, die ich in der Branche kenne. Eine besonders große Leidenschaft habe ich für die Technik der Stop-Motion-Animation. Hier werden Figuren handgefertigt, einzelbildweise bewegt und abfotografiert. Eine alte Technik, die heutzutage größten Teils von der Computer Animation abgelöst wurde. Mich verbindet mit der Technik nicht nur meine Affinität, Dinge mit den Händen zu bauen, sondern auch der Glaube daran, dass es dem Zuschauer eine ganz spezielle Magie vermittelt. Das Auge sieht immer den Unterschied zu einem Objekt, das wirklich existiert und einem Computer generierten Gegenstand. Es fühlt sich echt an, denn es ist echt.

Viele Menschen probieren Animation in ihrer Kindheit mit Knet- oder Legofiguren aus, ich habe einfach nicht aufgehört. Während meine Kommilitonen größtenteils am Computer sitzen oder zeichnen, sitze ich in meinem Kämmerchen und bastle Figuren und Sets, leuchte sie ein und bewege sie Bild für Bild über den Zeitraum von mehreren Tagen.

 

Krieg der Sterne und Jurassic Park: Die Arbeit von Stop-Motion-Veteran Phil Tippett

Heutzutage ist Stop Motion selten gesehen und es kommt noch seltener vor, dass ein großer Film gedreht wird, in dem die Stop Motion Technik zum Einsatz kommt. Als es noch keine Computer gab, wurden viele der Effekte in großen Hollywood Filmen mit Stop Motion umgesetzt. Pioniere dieser Zeit waren Willis O’Brien, später Ray Harryhausen und von ihm inspiriert Phil Tippett. Phil hat in den 70er Jahren die Animationen für Krieg der Sterne gemacht, später sein eigenes Studio gegründet und den Wandel von Stop Motion zu Computer Animation mit entworfen. So war er auch für die Animationen von Robocop, Jurassic Park und Starship Troopers verantwortlich und hat insgesamt zwei Oscars für seine Arbeit gewonnen. Doch der Wandel zur Computer Animation hat sein Leben sehr verändert. Heute existiert Tippett Studios nach wie vor, aber die Mitarbeitenden verdienen ihr Geld mit Computer Animation für große Filmproduktionen und Themenpark Entertainment.

Phil und ein paar Mitarbeitende sind dazu übergegangen, ein eigenes Filmprojekt mit dem Titel MAD GOD auf die Beine zu stellen. Ein dystopischer Film, in dem sie alle möglichen alten Techniken wiederaufleben ließen, Kostüme, praktische Spezialeffekte und Stop Motion. Schon früh habe ich von dem Projekt gehört und es hat mich fasziniert. Über Jahre habe ich über das Internet verfolgt, was da am anderen Ende der Welt entsteht, während ich in Deutschland anfing, Animation zu studieren, meine eigenen filmischen Erfolge und auch Niederlagen hatte und den einen oder anderen Stop Motion Werbefilm an Land zog.

 

Von der FMX direkt in die Tippett Studios und Phil Tippetts Gästehaus

Das Animationsinstitut der Filmakademie Baden-Württemberg organisiert jedes Jahr eine große Konferenz, die FMX. Hier kommen Speaker aus der ganzen Welt und präsentieren ihre Arbeit. Wir Studierenden haben die Möglichkeit, diese Speaker zu betreuen und sie somit näher kennen zu lernen. Als ich gehört habe, dass in diesem Jahr Phil Tippett zu Gast sein würde, konnte ich mein Glück nicht fassen. Schon drei Wochen im Voraus bin ich zu meiner Studienkoordinatorin und habe mich für Phil Tippett als Betreuer eintragen lassen. Als wir uns dann getroffen haben, haben Phil und ich uns super verstanden. Wir haben das ein oder andere Bier getrunken und er war sehr erleichtert, dass ich nicht nur über VFX und Star Wars reden wollte. Als ich Interesse an seinem Projekt MAD GOD geäußert habe, hat er mich kurzerhand zu sich in die USA eingeladen, um einmal für sechs Wochen mitzuhelfen. Ich konnte mein Glück gar nicht fassen. Also habe ich meine Sachen gepackt und bin ab in die USA, nach Berkeley, Kalifornien.

Für die Zeit wurde ich sogar bei Phil und seiner Frau im Gästezimmer einquartiert und hatte somit die Chance, die beiden sehr gut kennenzulernen. Phils Frau Jules hat zusammen mit ihm die Tippett Studios gegründet und leitet sie bis heute. Die Arbeit am Projekt war toll. Es war wie meine eigenen Filme zu drehen, nur im großen Maßstab mit haufenweise Equipment und Platz. Die sechs Wochen vergingen im Fluge, und als ich wieder in Deutschland war, rief mich Phil an. Er bot mir an, ein Visum für mich zu organisieren und mich für acht Monate bei Tippett Studios anzustellen. Das ließ ich mir natürlich nicht entgehen.

Mein achtjähriges Ich hätte mir nicht geglaubt, hätte ich ihm erzählt, dass ich einmal eine Szene für einen Teil der Star Wars Saga animieren würde.

Arne Hain

MAD GOD: Die Arbeit an einem 20 Jahre andauernden Projekt

Im Frühjahr zog ich wieder bei Phil und Jules ein und jeden Tag fuhren Phil und ich gemeinsam ins Studio, um MAD GOD fertig zu stellen. Das war unser Goal. Dazu muss man wissen, dass Phil inzwischen seit fast 20 Jahren an MAD GOD arbeitet. Weil es keine konstante Finanzierung gibt, war das nicht immer leicht. Phil ist ein unglaublich fokussierter und beeindruckender Mensch. Jeden Tag, außer Sonntag, fährt er ins Studio, setzt sich in die Meetings seiner Firma und fängt danach an zu basteln und zu werkeln. Dabei ist er sich für keinen Job zu schade. Die meiste Zeit waren es nur Phil und ich, die Seite an Seite arbeiteten, an Wochenenden gab es mehr Helfende und ab und an kamen Leute vorbei, die ihre Expertise ins Projekt einbrachten. Ich hätte keinen besseren Lehrer als Phil haben können und nach kurzem Eingewöhnen ließ er mich einfach werkeln und jeder ging seinen Aufgaben nach.

MAD GOD ist ein unglaubliches Projekt, das es so wahrscheinlich noch nie gab. Das meiste kommt direkt aus Phils Kopf und wird nicht einmal zu Papier gebracht. Der ganze Prozess ist sehr spontan und intuitiv. Die zwei Regeln, die Phil mir mitgegeben hat, sind:

 

„1. Set up a camera.
2. Don’t think!“

 

MAD GOD ist in verschiedene Teile aufgetrennt. Teil 1-3 sind fertig und können online gekauft werden. Ich habe an den zwei verbleibenden Teilen mitgearbeitet. Zusammen ergeben sie einen 70-minütigen Langfilm, düster und gewaltig. Mit Sicherheit kein Mainstream-Film, aber etwas Außergewöhnliches. Jedes Detail ist Hand gemacht und die Bilder sind dermaßen voll und überladen, dass man den Film immer neu entdecken kann.

Ich habe Tippett Studios in meiner Zeit dort fest ins Herz geschlossen. Es ist ein Ort voller Querköpfe, die man sonst sehr selten trifft. Das ganze Studio besteht aus zwei Gebäuden und ist vollgestopft mit Figuren und Requisiten aus alten Projekten. Oben arbeiten die Mitarbeitenden am Computer, während wir im Studio darunter unsere Experimente machen. In meiner Zeit bei Tippett Studios hatte ich das Vergnügen, eine Menge erfahrene und liebe Menschen kennenzulernen. Darunter Jim Aupperle, der schon bei Filmen wie Ghostbusters und Nightmare before Christmas mitgemacht hat, sowie Webster Colcord, Chuck Duke und Tom Gibbons, die unglaublich tolle Stop-Motion-Animatoren sind und mir sehr viel beigebracht haben, Chris Morley, der eine große Rolle bei MAD GOD als Kameramann spielt und Ken Rogersson, der das Projekt als Editor betreut.

 

Und dann kam Star Wars

Tatsächlich haben wir MAD GOD dann nach sechs Monaten abgedreht, und nun steht nur noch die Nachbearbeitung und der Schnitt an. Kurz vor Beendigung von MAD GOD kam dann die Nachricht, dass das Studio wieder das Hologramm-Schachbrett für den neuen Star-Wars-Film The Rise of Skywalker übernehmen würde. Das ist eine Szene, die schon im ersten Star-Wars-Film vorkommt, damals Stop Motion animiert von Phil Tippett. Seit den neuesten Filmen wurde immer eine Szene mit diesem Schachbrett integriert. Dieses wurde auch in den neuen Filmen mit der Stop-Motion-Technik umgesetzt. Weil ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, gab Phil mir die Chance, dieses Mal an der Szene mitzuanimieren. Wieder konnte ich mein Glück nicht fassen. Zusammen mit Chuck Duke und Tom Gibbons animierte ich also das Holo-Schachbrett für Star Wars: The Rise of Skywalker.

Ich kann mein Glück immer noch nicht fassen, aber später kann ich meinen Enkelinnen und Enkeln erzählen, dass ich bei Star Wars animiert habe.

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