4 Fragen an Ricarda Saleh

Interactive Media - Games and Beyond

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In ihrem Diplomprojekt ­Lionhearted portraitierte Ricarda Saleh das 8-jährige Mädchen Rida, das mit ihrer Familie von Pakistan n­ach Europa floh und in einem besetzten Haus in Athen lebt. Der 360°-Film entführt das Publikum auf eine immersive Reise und zeigt mit viel Fingerspitzengefühl die Perspektive eines Kindes im Kontext der Flüchtlingskrise auf.
Auch nach ihrem Abschluss geht es Ricarda darum, als Autorin und Regisseurin auf Themen aufmerksam zu machen, die ihr wichtig sind und mit ihren Projekten zum Nachdenken anzuregen.

Lies weiter und erfahre, wie Ricarda der Einstieg in die Branche gelang und welche Tipps sie potenziellen Bewerberinnen und Bewerbern gibt.

 

Interview mit Ricarda Saleh

 

Was bedeutet "Be relevant" im Kontext Interactive Media für dich?

Interactive Media bietet eine Auswahl an sehr mächtigen Tools, um das Publikum zu erreichen. "Be relevant" bedeutet, dass man diese Macht klug einsetzt und seine Sichtbarkeit und Fähigkeiten als Künstler nutzt, um das Bewusstsein für ein wichtiges Thema zu schärfen. Mit Lionhearted haben wir versucht, die Menschen zum Nachdenken über die Lebensrealität Geflüchteter anzuregen, aber es könnte jedes Thema sein, für das man Leidenschaft empfindet. Vom Durchschnittslohn für Pflegepersonal (zu niedrig!) bis hin zu komplexen Themen wie Presse- und Religionsfreiheit.

Die 360°-Doku Lionhearted – sieh dir den Trailer an!

Wann hast du deine Liebe zu Interactive Media entdeckt und wie hast du letztendlich deinen Weg zum Animationsinstitut gefunden?

Ich war 2011 bei einem spannenden Panel der Berlinale zum Thema Transmedia und Crowdfunding/User-Generated Content. Da dachte ich, krass es gibt so spannende Wege zu erzählen - immersiv, plattformübergreifen, mit Einbindung einer Community. 2011/2012 habe ich ein Jahr an der University Sussex in England studiert. Im Studium habe ich mich vor allem mit Filmwissenschaften und Dokumentarfilm auseinandergesetzt. Zeitgleich bin ich auf so viele spannende Webexperimente gestoßen wie die Webdoku Bear71 und das interaktive Musikvideo The Wilderniss Downtown. Das hat mich total fasziniert. Ich fand die Schnelligkeit dieser neuen Technologien - schnelleres Internet, Social Media, Änderungen im Konsumentenverhalten von Filmen, Dominanz und Ausbreitung des Smartphones - atemberaubend.

 

Ich habe zufällig über ein anderes Branchenevent über den Studiengang Interactive Media an der Filmakademie erfahren. Ich dachte ich muss mich da unbedingt bewerben. Ich hatte mich bereits im Jahr zuvor an der Filmhochschule München beworben und bin dort bis zum Auswahlverfahren mit Prüfung vor Ort gekommen. Ich hatte schon seit meiner Schulzeit extrem großes Interesse an kreativen Projekten - von Fotografie und Journalismus bis Kurzvideodrehs (ehrlicherweise waren diese größtenteils sehr trashig, aber wir konnten mit diesem klamaukigen Humor uns ausdrücken und austoben). Ich war extrem aktiv, ich habe mit verschiedenen Freunden diverse Kunstprojekte initiiert. U.a. habe ich eine interaktive Performance in der Innenstadt von Kiel auf die Beine gestellt, um Awareness gegen Rechtsextremismus zu kreieren. Wir hatten damals sogar eine kleine Förderung der Amadeu Antonio Stiftung, mit dem Geld haben wir Flyer drucken lassen. Wir hatten sogar eine Fotoausstellung im Kieler Rathaus. Trotz diesem ganzen Engagements habe ich lange gedacht, das ich nicht kreativ genug für eine Filmhochschule war. Es braucht schon viel Überwindung zu sagen - Ich bewerbe mich da jetzt. Ich setz mich an den Schreibtisch und erarbeite Ideen für die Bewerbung. Ich würde sagen, dass es bei mir viele Zufälle waren, die am Ende dazu geführt haben, dass ich am Animationsinstitut gelandet bin. Auch viele Momente der Überwindung, in denen ich mir dann selber gesagt habe "Ach was soll‘s, ich probiere das jetzt einfach mal und bewerbe mich da."

 

 

Wie ging es nach deinem Abschluss am Animationsinstitut für dich weiter und woran arbeitest du gerade?

Nach meinem Abschluss am Animationsinstitut hatte ich das große Glück, beim WDR ein Projekt für eine 360°-Doku anvertraut zu bekommen. Ich habe für den WDR die 360°-Doku Paris Terror: Die Geiseln vom Hyper Cacher umgesetzt, die im Januar 2018 veröffentlicht wurde. Das war eine tolle Chance, als junge Regisseurin so ein Projekt zu einem sensiblen Thema und mit komplexen Ansprüchen anvertraut zu werden. Wie kann man taktvoll und angemessen von einem Terroranschlag in VR/360° erzählen? Mein Wissen für technische Prozesse im Animationsbereich, welches ich am Animationsinstitut erlangt habe, war hier sehr nützlich für mich, denn die Doku besteht zu 70% aus animierten Szenen.

Diese VR-Doku war ein extrem spannendes Projekt und ich durfte sehr oft nach Paris fahren - zur Recherche und zum Dreh. Nach circa 5 Jahren Ludwigsburg hat das wirklich gut getan.

Paris Terror: Die Geiseln vom Hyper Cacher

Seit Anfang 2018 lebe ich in Hamburg und habe hier in den letzten Jahren viel für den NDR gearbeitet. 2019 konnte ich als Co-Autorin und Co-Regisseurin für den NDR und die Tagesschau die Webserie Throwback89 umsetzen. Wir haben mit der Serie über den Mauerfall 5 Mio Views erreicht, das ist doch der Hammer wie man mit Social Media Geschichten erzählen kann, oder? Nochmal kurz zurück zu meinem Diplomprojekt Lionhearted. Ich hatte das große Glück, das Lionhearted richtig gut bei Festivals lief. Der 360°-Film wurde weltweit gezeigt und mit diversen Awards ausgezeichnet. Es ist und bleibt ein wichtiges Referenzprojekt für mich und hat mir den Start in die Branche ermöglicht. Zusätzlich konnte ich bei der Produktion sehr viel lernen - technisch, Storytelling für 360°, im Bereich Konzeption, Teamführung und Teamarbeit - und habe auch Freundschaften geknüpft.

 

Zurzeit arbeite ich mehr im Bereich Stoffentwicklung, Drehbuch und dramaturgische Beratung. Ich berate Kreative und Firmen im Bereich Transmedia, VR, 360°, interaktive Inhalte und Webserien. Im Drehbuchbereich entwickle ich zurzeit einen Langspielfilm und eine Miniserie.

 

 

Warum sollte man sich für das Studium Interactive Media am Animationsinstitut bewerben und welchen Tipp hast du für potenzielle Bewerberinnen und Bewerber?

Du solltest dich bewerben, weil das Animationsinstitut eine exzellente Ausbildung ermöglicht - die Ressourcen sowohl technisch als auch in der Lehre - sind einzigartig. Die Menschen, die am Animationsinstitut arbeiten, sind extrem engagiert den Studierenden die bestmögliche Erfahrung zu bieten. Die Studierenden am Animationsinstitut und der Filmakademie sind extrem - extrem spannend, extrem intelligent, extrem kreativ, extrem exzentrisch, extrem motiviert. Es ist eine große Chance von so vielen talentierten jungen Menschen umgeben zu sein und gemeinsam Projekte umzusetzen.

Interactive Media, ist das Richtige für dich, wenn du neugierig bist. Wenn du brennst für Erzählformen "outside the box". Es ist das Richtige für dich, wenn du motiviert bist, aktiv zu gestalten und gleichzeitig ein Teamplayer bist.

 

Mein Tipp für potentielle Bewerber ist, horch in dich rein, - was begeistert und motiviert dich? Ist es ein Medium, ist es eine Kunstform, ist es eine Stilrichtung? Sei in deiner Bewerbung ehrlich mit dir selber, schreib das - und kreiere das - was dich interessiert und nicht, was du glaubst, was andere von dir hören wollen. Und als letzter Tipp: Mach deine Hausaufgaben. Recherchiere dein Thema/dein Medium. Recherchiere Vergleichsprojekte und relevante Projekte in dem Bereich. Mir ist jetzt doch noch ein Tipp eingefallen: Wenn du eine kleine Stimme in dir hast, die denkt "Nein, ich bin (noch) nicht gut genug". Oder "da studieren ja nur Genies...ich gehör da nicht hin", dann versuche es mit "Ich probier‘s einfach mal."

 

Du willst mehr über Ricarda Saleh erfahren? Hier geht’s zu ihrer Website.

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