Die LED Screen Revolution

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Neuste Drehmethoden mit LED-Bildschirmen ermöglichen virtuelle Filmsets von nie dagewesener Qualität und könnten die Filmbranche grundlegend umkrempeln.
Ab Oktober experimentieren am Animationsinstitut Forschende und Studierende mit einer Testanlage.

Bisher sind es noch wenige Produktionen, die hochauflösende LED-Screens auf ihren Filmsets einsetzen. Eine der ersten war die Disney-Serie Mandalorian. Die beinduckenden Bilderwelten, die hier das VFX-Haus Industrial Light & Magic kreierte, machen bereits klar, welch bahnbrechende Neuerung die Technologie für die Filmbranche bedeuten könnte.

 

„Mit großen Displaytechnologien können virtuelle Inhalte direkt ans Filmset geholt werden“, erklärt Simon Spielmann. Der Mathematiker und Medieninformatiker ist leitender Ingenieur der Forschungs- und Entwicklungsabteilung des Animationsinstituts sowie Dozent im Studienvertiefung Technical Directing. Seit Jahren forscht er unter anderem daran, Entwicklungen der Echtzeit-Computergrafik für die Filmbranche nutzbar zu machen.

Bislang drehte man Szenen, die vor computergenerierten Landschaften oder fotografischen Hintergründen spielen, vor allem mit der Blue- und Greenscreentechnik. Dabei werden Personen oder Gegenstände vor blauen oder grünen Flächen aufgenommen und später in die gewünschten Bilderwelten gesetzt. Künftig könnten hochauflösende LED-Wände diese Methode ablösen.

 

 

Mehr Genauigkeit und Flexibilität beim Dreh

„Wenn Sets mit LED-Screens arbeiten, hat das zahlreiche Vorteile gegenüber bisherigen Methoden“, sagt Spielmann. Ein großer Nachteil der Green- und Bluescreentechnik sei, dass die detaillierte Gestaltung der Szenen hinsichtlich des Zusammenspiels zwischen Schauspiel und bildlicher Umwelt im Nachhinein erfolgt. Das bedeutet oft eine schauspielerische Herausforderung, denn die Darstellerinnen und Darsteller sind oftmals gezwungen, ihr Spiel weitestgehend blind oder nur indirekt in die Umwelt zu imaginieren. Auch Aufnahmefehler, die in der Postproduktion aufwendig korrigiert werden müssen, passierten recht häufig.

 

Die LED-Screens fungieren hingegen als eine Art Bühne. Die am Set mit dem bloßen Auge gesehene Szenerie ist damit nahe an dem Bild, das für den Film geschossen wird. „Dadurch erlangt man mehr Kontrolle und eine größere Genauigkeit beim Dreh“, erläutert Spielmann. „Zudem sind die Bildschirme mittlerweile so hell, dass man damit gut beleuchten könne.“ So gut, dass LED-Wände bald die Beleuchtungstechnik am Set ergänzen könnten.

 

Workshops für Studierende im Studio 1

Damit sich die Technologie auch abseits der budgetstarken Produktionen in Hollywood etabliert – nur sie können sich die Experimente damit bisher leisten –, müssen noch technische Details verbessert und sinnvolle Workflows für Drehs etabliert werden. Daher baut die Forschungs- und Entwicklungsabteilung des Animationsinstituts ab Oktober im Studio 1 auf dem Filmakademie-Campus für vier Wochen ein Testset auf. Eine große LED-Wand von vier auf sieben Metern Größe und drei kleinere Einheiten zur Beleuchtung stehen dann den Forschenden und Studierenden des Animationsinstituts zur Verfügung. Geplant war, die Anlage bereits im April zu errichten, doch durch die Coronakrise musste der Aufbau ins Wintersemester verschoben werden. Neben umfangreichen Testreihen wird es dann mit einer begrenzten Teilnehmerzahl Workshops für die Studierenden geben, damit sie die Technik kennenlernen und für ihre Projekte ausprobieren können.

 

„Wir haben bei der Technologie noch eine ganze Palette an Problemen, die es zu lösen gilt“, betont der leitende Ingenieur. Beispielsweise arbeitet seine Abteilung an Softwarelösungen, die die Arbeit von Regisseuren und Regisseurinnen mit den Screens vereinfachen kann. Etwa wenn diese am Set Änderungen am Bild wünschen, könnten die Projektionen durch vom Animationsinstitut entwickelte Tablett-Applikationen (VPET) leicht umgestaltet werden.

Forschungsexpertise in virtueller Produktion hat am Animationsinstitut eine lange Tradition

Zudem gilt es, geeignete Wege zu finden, wie die Bildschirme und die Kamera ideal aufeinander abgestimmt werden, um ein bestmögliches finales Bild zu erzeugen. Schon lange wird versucht, computeranimierte Bilderwelten mit realen Handlungen technisch so zu synchronisieren, dass Schauspiel und Bild live interagieren, etwa hinsichtlich der optischen Perspektiven. Entscheidend dabei ist ein Kameratrackingsystem, das die Aufnahme räumlich mit dem generierten Hintergrund synchronisiert.

 

„Die Schwierigkeit liegt hier immer bei der enormen Rechenleistung, die für jedes einzelne Bild notwendig ist und nur mit großem Aufwand erreicht werden kann“, bemerkt Spielmann. Auf diesem Feld seien in den vergangenen Jahren viele Fortschritte gemacht worden. Große Produktionen, etwa Steven Spielbergs „AI“ oder James Camerons „Avatar“ leisteten hier Pionierarbeit. Auch am Animationsinstitut forscht man bereits lange zu dieser Thematik. 2009 drehte dort etwa Animationsstudent Johannes Appelt seinen Abschlussfilm Motherland komplett in einer beeindruckenden computergenerierten Welt mit sogenannter On-Set VFX supervision and direction.

 

Wichtig für die Fortschritte bei dieser Technologie sind stets auch Entwicklungen aus dem Bereich der Echtzeit-Computergrafik von Computerspielen. Virtuelle Filmproduktionen arbeiten nämlich ebenfalls mit Spiele-Engines, also Softwaresystemen, die bei Computerspielen für die visuelle Darstellung des Spielablaufs sorgen. Spiele-Engines werden immer leistungsfähiger und machen dadurch die Echtzeit-Projektion von Computergrafiken auf den LED-Screens bei Filmsets erst möglich.

 

LED-Screen-Technik bekommt durch Coronakrise Auftrieb

Obwohl sie noch nicht ausgereift ist, bekommt die neue Drehtechnik aufgrund der Coronakrise in der Filmbranche viel Aufmerksamkeit. Derzeit sind Drehs in aller Welt durch die Hygienebestimmungen nur sehr eingeschränkt möglich. Da Bildschirmfilmsets sich hinsichtlich ihres Aufbaus grundsätzlich in unterschiedlichen Studios gleichen, ist es denkbar, dass Drehs an unterschiedlichen Orten stattfinden und somit Reisen von Filmcrews vermieden beziehungsweise eingeschränkt werden können. „Mit der Technik könnte schließlich auch ein ganz neues Geschäftsfeld entstehen“, erklärt Spielmann, „es ist denkbar, dass Beleuchtungssettings und VFX-Setdesigns als Presets von Dienstleistern vorgefertigt angeboten werden, weil sie in jedes beliebige LED-Screen-Studio auf der Welt digital aufspielbar sind.“

Auch am Animationsinstitut haben sich die Forschungen zur LED-Technologie als Nebeneffekt der Coronakrise intensiviert. Denn die Mannheimer Firma Rent Event Tec, von der das Animationsinstitut die LED-Screens für das Studio 1 ausleiht und die eigentlich vornehmlich auf Veranstaltungen Screens aufstellt, baute bedingt durch die Pandemie in ihrer Lagerhalle ein LED-Screen-Studio auf – als alternatives Geschäftsmodell zu ihrem Eventservice. Rent Event Tec lud das Animationsinstitut darauf ein, seine Tests an der Technik auch in Mannheim durchzuführen. Selbst das Diplomprojekt Neoshin, ein dystopischer Musikanimationsfilm, konnte so im August in Mannheim bereits Szenen mit der neuen Technik aufnehmen. Bereits die ersten Shoots und Versuche zeigen, dass durch die neue Technik bald einige atemberaubende VFX-Projekte von neuer Qualität vom Animationsinstitut zu erwarten sind.

 

Mehr Infos zum LED-Screen-Studio gibt's auf dem YouTube Channel unserer Forschungs- und Entwicklungsabteilung.
Schaut rein!

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